Das "häusliche" Umfeld
Veröffentlicht von Hilde Link · Sonntag 10 Mai 2026
Ich berichte immer so gerne von unserer Montessori-Vorschule, und wie gut
es den Kindern da geht, wie sie fleißig lernen und spielen und wie sie mit
ihren Mitschülerinnen und Mitschülern umgehen, die, wie man hier in Indien
sagt, vor besonderen Herausforderungen stehen. Wie die Kinder durch das
Inklusionsprogramm keine Toleranz, sondern Selbstverständlichkeit lernen und
dass es Menschen gibt, denen man einfach helfen und ihnen zur Seite stehen
muss.
Aber – wo kommen diese Kinder eigentlich her? Das Foto sagt wohl schon
alles.

Es wurde direkt neben dem Prana-Gelände aufgenommen. Die Eltern sind
arm, wirklich arm, können ihre Kinder kaum ernähren. Vor allem Mädchen bleiben
schnell auf der Strecke. Keine ärztliche Behandlung, wenn sie krank sind, keine
zusätzliche schulische Förderung, wenig Essen. Frauen sind in der Regel des
Lesens und Schreibens nicht mächtig und befinden sich in totaler Abhängigkeit
von ihren Männern.
Ansonsten Abfall überall. Vor allem Plastik wird achtlos da weggeworfen, wo
man gerade steht. Umherstreunende Kühe fressen es, bis sie jämmerlich verenden.
Abgemagerte Katzen liegen dösend auf den Wegen, die Hunde ernähren sich von den
Stoffwechselendprodukten der open air-Toilette der Fischer am Strand.
Die
einzigen Lebewesen, die gut genährt und im prächtig schillernden
Federkleid umherstolzieren, sind die Hähne. Man braucht sie zum
inzwischen verbotenen Hahnenkampf. Aber wen kümmern hier schon irgendwelche
Gesetze. Delhi ist weit.
Die meisten Männer sind alkoholkrank. Auch in Indien
ist Alkohol nicht umsonst zu haben, und sei es der billigste Fusel. Geld, das
Frauen und Kindern nicht zur Verfügung steht. Das ist das häusliche Umfeld
unserer Prana-Kinder, wobei „häuslich“ ein falsches Wort ist.
Sie fragen sich jetzt sicherlich: Konnte denn da Prana nichts ändern in den
letzten zweiundzwanzig Jahren?
Das Problem ist, dass junge Frauen, denen Prana eine gute Ausbildung
ermöglicht hat, in der Regel heiraten und mit ihrem Ehemann wegziehen.
Junge Männer mit guter Ausbildung verlassen ebenfalls den Slum. Ihre Familie
nehmen sie mit. Dorthin, wo sowohl Frauen als auch Männer ihrer Qualifikation
entsprechende Arbeits- und Lebensbedingungen haben, und wo ihre Kinder gute
Schulen und gute medizinische Versorgung vorfinden.
Danke den Spenderinnen und Spendern, die wesentlich dazu beigetragen, dass
inzwischen hunderte von Kindern über Ausbildung das Elend des Slums hinter sich
lassen können.
